Eine Zugfahrt, die ist lustig

Aus Sofia rauszukommen war eine langwierige Angelegenheit und am Ende landeten wir doch auf der Autobahn, auch weil wir dem Navi keinen Glauben schenkten, von wegen „Ach, das fährt doch viel zu viele Umwege!“. Auf dem Standstreifen fuhren wir, bei Regen, mit ausreichend Abstand zu den dahinbretternden Autos. Es machte uns schon wieder Spaß und während der Fahrt rissen wir allerhand Witze darüber, wie wir reagieren würden, würde uns die Polizei anhalten. „Wie, eine 6-spurige Straße? Das ist uns gar nicht aufgefallen!“, war eine der vielen bescheuerten Ideen. Sobald es zu unserer Streckenplanung passte – das Navi hatte uns in der Zwischenzeit schon aufgegeben und rechnete nicht weiter – fuhren wir von der Autobahn ab und auf eine Landstraße, auf der wir uns direkt unwohler fühlten, weil die Autos uns so knapp und schnell überholten. Das Wetter war den ganzen Tag über trüb, was meistens auch unsere Stimmung drückt, allerdings hatten wir ein überaus motivierendes Ziel vor Augen, das wir bis zum nächsten Tag um 13:10 Uhr erreichen wollten. Unsere warmshower-Gastgeberin hatte uns von einer Schmalspurbahn durch die Berge von Septemvri nach Dobrinishte erzählt, die uns verlockte, da wir wussten wir könnten die Aussicht bei schlechtem Wetter vom Zug aus viel mehr genießen und diese Zugstrecke auch noch einigermaßen auf unserer Route lag. Bei Regen fahren wir mit Tunnelblick, nur auf die Straße konzentriert und darauf, das Wasser aus den Augen zu blinzeln. Und wenn wir dadurch einen Tag mehr am Strand in Griechenland verbringen könnten, umso besser.
Wir fuhren also auf dieser Landstraße, auf der der Verkehr immer weniger wurde. Natürlich waren wir darüber erfreut, doch der Grund dafür erschloss sich dann auch recht schnell. Die Straße verwandelte sich nämlich in ein großes Schlagloch, wir hatten kaum mehr die Möglichkeit Straße zu finden. Von nun an holperten, bremsten, mühten und schlängelten wir uns ganz alleine über dieses Landsträsschen, zwischen Hügeln, Wäldern, Felsen und Bächen. Und nicht zum ersten Mal dachten wir, wie wunderschön Bulgarien im Sommer bei schönem Wetter sein musste. Gegen Abend, die Straße war wieder besser geworden, begann es richtig stark zu regnen und uns graute vor dem Zeltaufbau in 1-2 Stunden. Wir hatten uns jedoch eine Wunderwaffe besorgt, die noch besser funktionierte als beabsichtigt: ein kleiner Zettel, mit der Frage nach einem trockenen Platz für unser Zelt auf Bulgarisch, wartete in Lenis Geldbeutel auf seinen Einsatz.

In einem kleinen Ort namens Mirovo schüttelte Leni das Ass aus dem Ärmel und hielt es einem älteren Mann hin. Dieser hatte uns gerade bemerkt, als wir das hohe Gartentor öffneten und von dem Hund im Hühnerstall angekläfft wurden. Er war aus der Gartenlaube neben den Folientunneln gekommen, in der er Hackfleisch für das Abendessen grillte. Er las und nickte zustimmend, rief seine Frau, die uns direkt ein Zimmer anbot. Leni wollte widersprechen, konnte aber nicht weil sie keine Worte dafür hatte und so stimmten wir zu. Wir hätten uns auch mit der Gartenlaube begnügt, doch wir bekamen ein eigenes Zimmer mit einem großen, bequemen Bett angeboten und wurden zum Abendessen eingeladen. Davor wurden jedoch noch unsere ganzen Klamotten auf eine Wäscheleine am Feuer gehängt und unsere Schuhe in den offenen Backofen gestellt. Die Frau, sie hieß Rosa, zauberte noch zwei große, nach Mottenkugeln riechende Jogginganzüge hervor, in die wir uns kleiden sollten und dann flossen Schnaps und Wein und vermischten sich im ein oder anderen Glas mit Limonade. Wir unterhielten uns angeregt, wenn wohl auch beide Seiten nicht immer alles ganz verstanden. Es ist so schön für uns, dass wir so häufig auf so großzügige und nette Menschen treffen.

Am nächsten Morgen wurden wir mit einem reichhaltigen Frühstück, einem Ring Rauchwurst, eingedünstetem Hühnerfleisch, Chubritsa (bulgarisches Gewürzsalz mit Bohnenkraut und Chili), Lutinitsa (selbstgemachtem Ketchup) und herzlichen Grüßen verabschiedet. Diesmal konnten wir übrigens auch etwas da lassen. In Sofia hatten wir uns Doppelkekse von Alnatura gekauft, die wir am Abend angeboten hatten. Der ältere Mann hat welche gegessen und meinte „Oh, die mit Kaffee, das ist bestimmt das Beste“ und am Morgen hat er das dann gefrühstückt. Die Packung haben wir Vasil sehr gerne überlassen.

Wir fuhren um 8 los und hatten nur noch 40 km bis zur Abfahrt um 13 Uhr zu schaffen. Um 10 waren wir schon dort und natürlich hatte es die ganze Fahrt über geregnet. Aber wir freuten uns umso mehr auf die Zugfahrt, die wir ganz gemütlich im Warmen verbringen würden, während es draußen pratzeln würde. Wir kauften uns noch etwas Reiseproviant (sowas wie Neapolitanerwaffeln und dazu isst man dann Joghurt; eine hervorragende Mischung, die uns Kristina in Sofia zeigte) und warteten am Bahnhof auf den Zug. Wir waren nicht lange allein, hatten uns doch drei ältere Herren entdeckt. Sie redeten mit uns und zeigten uns später das richtige Gleis, das ein ganzes Stück von dem Platz entfernt war, an dem wir gewartet hatten.

Der Zug stand schon da, die Waggons und Türen natürlich schmaler und kleiner, als bei einem gewöhnlichen Zug. Wir luden also zuerst das Gepäck und danach das Fahrrad ein, das haarscharf reinpasste, damit aber auch eine Tür vollständig blockierte. Und dann fuhren wir gute 5 Stunden und 160km im Trockenen und Warmen die Berge hoch. Etwa 1000 Höhenmeter mussten wir uns weniger erstrampeln. Nur dass es nicht regnete machte uns ein wenig traurig … vor allem weil Leni schon ganz richtig vermutete, dass das dann wohl am nächsten Tag kommen würde, was wir da aber noch nicht wussten. Die Landschaft war schön und wir fuhren öfter mal durch richtig enge Schneißen, die Gleise kräuselten sich entlang der Berge und am Abend hatte Domi den Schaltzug am Fahrrad ausgetauscht und Leni an diesem Blogeintrag geschrieben. Am Ankunftsort in Dobrinishte holten wir an einem Brunnen Trinkwasser, das sogar etwas Kohlensäure enthielt. Auch dabei erregten wir wieder Aufmerksamkeit und wurden von einem hinkenden Mann angesprochen. Die Kommunikation mit ihm war irgendwie schwieriger, aber er wollte, dass wir mitkommen zu einem der Deutsch konnte, soviel verstanden wir. Also gingen wir mit und bekamen erneut ein Zimmer angeboten, weil das Wetter zu schlecht zum Zelten sei. Wir konnten unser Glück kaum fassen und hatten gerade unser Müsli fürs Abendessen in dem Zimmer ausgepackt, das im Sommer vermutlich vermietet wurde, als die Frau von ihm kam und meinte wir sollten kommen und bei ihnen essen. So verbrachten wir einen weiteren Abend in Gesellschaft und erfuhren, dass sein Humpeln von einem Bandscheibenvorfall herrührte, dass ihre Kinder in Sofia und den USA waren und dass sie im Sommer im Wald Heidelbeeren pflückten und zu Marmelade und Kompott verarbeiteten. Ein Gläschen davon, eins mit Kirsch- und eines mit Erdbeermarmelade bekamen wir am nächsten Morgen nach einem Tee mit auf unsere Reise, sowie einen Liter selbstgemachten Rotwein. Ihr seht unser Gepäck wurde schwerer und schwerer 😉

Es regnete jetzt auch wieder, aber wir konnten unsere Fahrt dennoch sehr genießen, da die Landschaft so schön war und weil wir uns auf Griechenland freuten. Katerina und Aleksi hatten uns noch vorgeschlagen, dass wir bleiben sollten, bis der Regen nachließe, doch es zog uns ans Meer. Wir fuhren immer Richtung Drama, gaben vor der Grenze in Gotse Delchev unsere letzten Leva aus und fuhren dann durch den helenisch-bulgarischen Freundschaftstunnel (eigentlich war es ein Überbau über die Straße ohne ersichtlichen Nutzen) nach Griechenland. Unsere Pässe mussten wir übrigens an jeder Grenze zeigen, außer an den Grenzübergängen von und nach Österreich. Nach der Grenze ging es zum Glück wieder bergab – davor mussten wir ganz schön strampeln – und Leni hätte fast unsere Höchstgeschwindigkeit von 61,73 km/h geknackt, da die Straße plötzlich so gut war. Einmal in der Ebene angekommen folgte aber auch schon bald wieder eine ordentliche Steigung und so mussten wir zu später Stunde noch all unsere Reserven herauslocken, um Granites kurz vor Drama zu erreichen.

Dort versuchten wir an einen trockenen Zeltplatz zu kommen, da es tatsächlich noch immer regnete. Zuerst wurden wir abgewiesen, doch beim zweiten Versuch bekamen wir einen noch unbepflanzten Gewächshaustunnel angeboten, den wir dankend annahmen. Wir kochten Abendessen und gingen danach ins Zelt. 

Am nächsten Morgen, dem 11.März, wartete eine lange Abfahrt auf uns. Sogar die Sonne ließ sich blicken und wir genossen unsere Reise in vollen Zügen. Einige der Berge um uns waren noch schneebedeckt und die Straßenränder waren von Blümchen geschmückt, als wir die Talfahrt abbrechen mussten, um unsere vorderen Bremsbeläge zu wechseln. Das dauerte seine Zeit, aber wir hatten auch keine Eile. Danach ging die Abfahrt weiter und 700m tiefer blühten die Obstbäume und die Narzissen. Bei 15 °C und Wolken fuhren wir lange in der Ebene und genossen das Panorama. Es tröpfelte ab und zu ein bisschen und am Abend kam noch ein kleiner Anstieg, wonach wir ein verstecktes Plätzchen auf einem Olivenhain als unseren Zeltplatz kürten. Wir verkochten die Hälfte des Weines in Tomatensuppe und fragten uns, was wir bloß mit dem ganzen Schnaps anfangen würden, während die Sonne unterging. Als Leni aus dem Augenwinkel einen riesigen Hund im Dunkeln entdeckte, der wie versteinert dastand, erschraken wir erst einmal ganz schön. Doch der weiße Hund, wenn auch groß, war mitleiderregend mager. Da das Hühnchen im Glas schon verfüttet war (wir konnten es nicht probieren, das war uns zu abstrus) bekam er das restliche Brot und noch zwei rohe Eier. Die Hunde taten uns immer so Leid, manche waren richtig lieb oder niedlich, dass wir nicht einfach dasitzen und gemütlich unser Essen aufessen konnten. 

Jetzt waren wir nicht mehr weit vom Meer entfernt und unser nächstes Ziel stand fest: Strand. Wir fuhren also die letzten Höhenmeter abwärts, kauften 2 kg Orangen (eigentlich nur eines und eines bekamen wir geschenkt) für 1€, nicht dass hier jemand denkt wir hätten eh zu viel bezahlt, und fuhren damit ans Meer. Die Sonne kam gegen Mittag heraus und wir genossen das Nichtstun, während wir immer wieder den Platz an der Küste wechselten. Am Abend konnten wir dann einen Zeltplatz finden, an dem wir uns noch ein bis zwei Tage aufhalten wollten, um auf gutes Wetter zu warten.

Hier liegen wir nun, teilweise im Zelt anstatt am Strand, weil es zu kalt oder zu nass ist und lauschen dem stetigen Schlagen der Wellen. Unser Zelt steht hinter Sträuchern versteckt nur 15 m vom Wasser entfernt und neben dem Zelt liegen zwei uns wohlgesonnene Hunde, die auf uns aufpassen und andere Straßenhunde vertreiben. Morgen wollen wir vielleicht weiterfahren, doch das zwanglose Entspannen des Geistes und der Beine hat es uns angetan. Vielleicht fahren wir, vielleicht entscheiden wir uns um, wer weiß. Wir machen gerade Urlaub vom Urlaub.

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6 Gedanken zu “Eine Zugfahrt, die ist lustig

  1. Fabian schreibt:

    Hallo, ihr beiden!

    Schön, so regelmäßig von euch zu lesen! Es muss ein tolles Gefühl sein, das erwachende Frühjahr so nah mitzuerleben. Hier geht es auch so langsam los, aber das verfolge ich mehr aus den Bibliotheksfenstern… Mir geht das Herz auf, wenn ich von so vielen gastfreundlichen Menschen lese.

    Ruht euch gut aus und genießt den Strand!

    Euer Fabian

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  2. Silvia Le Gloru schreibt:

    Na Ihr zwei Lieben
    Jetzt konnte ich gerade sogar zwei berichte lesen, die wie immer so lebhaft und schön geschrieben sind, dass man in gedanken wirklich das gefühl hat mit euch dabei zu sein. Ihr erlebt ja wirklich sehr viel. Ja, auch mir geht das herz auf, wenn ich lese, wieviele nette und gastfreundliche menschen ihr überall auf eurer tour auch spontan antrefft. schön zu wissen, dass es überall humane , einfache, aber liebe menschen gibt auf dieser welt. ich wünsche euch auch weiterhin soviel austausch, erleben und menschlichkeit.
    auch bei uns tritt langsam der frühling ein, wir haben schon die ganze woche herrliches sonnenscheinwetter und haben auch viel im garten gearbeitet. doch das wird sich wohl schnell ändern, georges putzt und w¨scht heute unser auto, und danach regnet es IMMER. ( so wie beim fensterputzen auch, komisch, oder?)
    wir fahren am dienstag für einige tage mal wieder nach frankreich, mir fehlen unsere enkelkinder zu sehr. natürlich fahren wir mit dem auto, nicht wie ihr mit dem rad, wir sind nicht so mutig…….
    geniesst die tage am meer und passt weiterhin gut auf euch auf, ganz liebe grüsse und umarmungen
    silvia und georges

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  3. Ute Bartholomä schreibt:

    Macht uns immer viel Spaß eure Berichte zu lesen und Fotos zu schauen. Wir wünschen euch mal ein bisschen öfter schöneres Wetter zum radeln 🙂

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  4. Angelika Franz-Schöninger schreibt:

    Hallo Ihr zwei,
    mir geht es wie allen Vorgängern, bin mit auf eurer Reise und erfreue mich an den tollen Bildern.
    Weiterhin gute Fahrt und endlich warmes Wetter ohne Regen.
    Lieber Gruß Angelika

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