Von Wien bis Sofia

Wien hat uns sehr gut gefallen. Es hat eine riesige Altstadt mit unglaublich vielen alten Gebäuden und einem kleinen Töpferladen (wobei er für einen Töpferladen doch ziemlich groß war). Dort unterhielten wir uns mit der Verkäuferin und am Ende schenkte sie uns einen Herzanhänger als Glücksbringer, worüber wir uns noch immer freuen. Wir haben übrigens einige Glücksbringer dabei und alle von lieben Leuten. Ein schön glatt geschliffenes Aststück, einen selbst gefundenen Bernstein und jetzt noch das Herz – uns kann nichts passieren.

An dem Tag, als wir Wien verließen, regnete es ein wenig. Schon klar, dass der Himmel weint, wenn wir gehen. Wir fuhren Richtung Bratislava entlang der Wiener Abwasserkanäle, die uns ihren stinkenden Inhalt feucht ins Gesicht wehten, als plötzlich alles weiß wurde. War das Schnee? Aber es hatte keine Minusgrade – wir wunderten uns, doch schnell war klar, dass es sich wohl um Industrieschnee handeln musste und nicht um die gefrorenen Dämpfe der Kanäle. Bratislava durchfuhren wir einfach schnell, da wir uns die Stadt schon vor ein paar Jahren angeschaut hatten und Großstädte mit dem Fahrrad immer sehr zeitraubend sind. Wir schliefen am Damm hinter einem kleinen Cafe kurz hinter der großen Stadt und hatten die ersten 1000km geknackt, worauf wir mit Birnenschnaps von Onkel Helmut und Schokolade anstießen.

Am 18.2. hatten wir Rückenwind und eine Tagesdurchnittsgeschwindigkeit von 20 km/h. Wir wollten gerne Piroggen essen und Kofola trinken bevor wir die Skowakei wieder verließen, weshalb Leni in einem Gebäude mit der Aufschrift „nonstop“ nach Essen fragen wollte, da es in unserem Navi mit Messer und Gabel gekennzeichnet war. Sie kam durch eine Klappschwingtüre und anschließend durch eine Tür mit verspiegeltem Glas in einen dunklen Raum in dem ein Typ vor einem Bildschirm mit vielen Überwachungskamera-Videos saß. Sie sagte nur: „You don’t serve food, no?“ Worauf der Angesprochene fragte: „Wie bitte?“ Leni lachte und wiederholte die Frage auf deutsch, die mit einem leicht verwirrten lachen verneint wurde. Sie ging raus, besprach sich kurz mit Domi und ging dann nochmals rein, um zu fragen ob es in diesem Ort etwas gebe zum Essen. Er war sehr nett und zeigte den Weg auf einer Karte und Leni erhaschte beim Rausgehen einen Blick aufs Hinterzimmer, der ihr verriet, in was für einem Gebäude sie sich befand – war sie doch bis dahin ziemlich ratlos gewesen. „Das ist ein Casino, oder?“, fragte sie. Er lachte, nickte und verabschiedete sich. Wir fuhren an die beschriebene Stelle und fanden einen kleinen Stand an einer großen Straße und konnten nicht wirklich herausfinden, was genau verkauft wurde. Wir bestellten etwas mit Pilzen und bekamen ein warmes Baguette mit Mayo, Käse, Pilzen … und Schinken. Das hatte sicher nicht mit auf der Karte gestanden, aber wir aßen es lachend. Da wir noch immer weder Kofola noch Piroggen hatten, suchten wir in Komarno weiter. Auch dort fanden wir nicht was wir suchten, dabei hatten wir wegen unseres Urlaubs in der Slowakei vor einigen Jahren Kofola-Schilder an jeder Ecke erwartet, aber stattdessen gab es leckersten Schokokuchen mit Vanilleeis und zum Nachtisch Brynsirgendwas halušky – kleine Gnocchi mit Schafskäse. Zur Erklärung: Kofola ist eine polnische? (oder zumindest aus dieser Ecke stammende) Cola, die frisch vom Fass gezapft wird und mindestens so schön schäumt, wie ein gutes Weizenbier.
Am Tag darauf fuhren wir 120 km bis Budapest in Ungarn. Auf dem Weg waren wir irgendwann ziemlich grundlos schlecht gelaunt, bis Domi am Straßenrand einen kleinen Kater entdeckte. Der war so anhänglich und verschmust, dass wir ihn am Liebsten mitgenommen hätten und unsere Stimmung war gerettet. In Budapest hatten wir wieder einen warmshowerplatz  und wurden mit Thunfischnudeln und köstlichem Quittenschnaps von dem jungen Pärchen empfangen. Im Laufe des Abends fanden wir heraus, dass die beiden genau eine Woche vor uns geheiratet hatten, der Schnaps gehörte noch zu den letzten Überbleibseln der Hochzeitsverpflegung.

Wir wollten am 20.2., also am Tag nach dem wir in Budapest ankamen, Pause machen und ins Thermalbad gehen, jedoch kam uns Domis Kreditkarte dazwischen. Nach der zweiten PIN-Eingabe wurde sie vom Automaten geschluckt und wir konnten sie nicht zurückbekommen. Auch mit der netten Hilfe einer Frau, die etwas Deutsch sprach, konnten wir die Bankangestellte nicht zum Herausrücken der Karte bewegen. Wir hoben mit einer anderen Karte Forinth ab, wir hatten natürlich verrafft, dass Ungarn eben nicht in der Währungsunion ist, kauften ein und wollten dann nochmal kurz Heim, um bei unserer Bank anzurufen. Doch da auf dem einen Handy kein Geld war und auf dem anderen kein Strom, war alles kompliziert und blöd und das Schwimmbad fiel ins Wasser. Zum Trost und als Dank für die Gastfreundschaft kochten wir Linsen und gschabte Spätzle zum Abendessen. Unsere unglaublich netten Gastgeber boten uns dann an, noch eine weitere Nacht zu bleiben, um den verlorenen Tag aufholen zu können. Das war großartig und wir genossen am nächsten Tag sowohl den Blick vom Thermalbaddach über ganz Budapest, während wir im 36 °C warmen Wasser dümpelten, als auch die frühere Altstadt von Buda sehr. Die von Pest ist unglaublich touristisch und alle schönen Gebäude waren mit Souvenirshops verschandelt. Ich schreibe das so, weil Buda und Pest früher zwei Städte auf den gegenüberliegenden Donauseiten waren, die irgendwann zusammenwuchsen zu Budapest (übrigens gesprochen wie auf schwäbisch: Budapescht). Als wir am Abend zurück zu unseren Gastgebern kamen, bekamen wir eine GANZE Quiche zum Mitnehmen für den nächsten Tag gebacken und ein leckeres Vesper zum Abendessen. Wir schauten noch gemeinsam die zweite Folge Urmel und gingen dann, für unsere Verhältnisse super spät, um 23:30 Uhr ins Bett. Wir hatten eine sehr schöne Zeit mit den Beiden und genossen die drei Tage, die wir in Budapest verbringen durften. Vor der Abfahrt tranken wir einen letzten Cappucchino und fuhren, wieder bei Gegenwind aber jetzt aus dem Süden, 67 km weit bis Makád, einem kleinen Ort auf einer sehr lang gezogenen Insel in der Donau, wo wir auf einem Sportplatz übernachteten und am Abend noch eine Kanne voll warmem Tee von einer Frau bekamen, mit der die Verständigung schwierig, aber lustig war. In Ungarn sahen wir zu unserer Freude sehr viele Fasane, mal fliegend, mal über den Acker stolzierend oder auch ins Gebüsch huschend. Aber leider auch außergewöhnlich viele überfahrene Tiere an den Straßenrändern.

Am 23. Februar verließen wir dann vorerst den Donauradweg, um nach Serbien zu fahren, wo wir von unseren Gastgebern in Budapest eine Unterkunft bei einer verwandten Familie vermittelt bekommen hatten. Wegen dem Gegenwind mussten wir die 200 km auf drei Tage aufteilen, weshalb wir erst einen Tag später als gedacht, aber dann mit rasender Geschwindigkeit und Rückenwind dort ankamen. Wir brachten für jeden ein Stück Schoko-Kirsch-Kuchen mit (auch weil wir uns selbst nach etwas Süßem verzehrten) und wurden herzlich aufgenommen. Während wir duschten wurde das Abendessen gekocht, schließlich mit Schnaps und Bier serviert, doch mit dem Kuchen wurden wir sehr auf die Folter gespannt und wir hatten ihn schon fast aufgegeben, als uns die Mutter abends um 9 Uhr rief und zum Kuchenessen einlud. Im Anschluss daran zeigten uns die Eltern die Stadt Subotica bei Nacht. Sie hat eine kleine aber feine Altstadt, was wir gar nicht erwartet hatten, denn als wir in die Stadt reinfuhren, waren viele Straßen ungeteerte Erdwege und alles sah sehr ländlich, aber auch ein bisschen verlassen industriell aus. Die Altstadtführung beschlossen wir gemeinsam in einer Bar, wo Domi noch ein Jelen (serbisches Bier) und Leni heiße Schokolade trank. Und danach, wir hatten wie gesagt schon Abendessen bekommen und bis dahin drei serbische Spezialitäten probiert (Cevap = Hackfleischbällchen, Jelen = das gute serbische Bier und sauer eingelegtes Gemüse), sollten wir zu später Stunde unbedingt auch noch Burek kennen lernen. Burek ist wie das türkische Börek und ähnelt mit Weißkäse oder mit Fleisch gefülltem Blätterteig. In der Bäckerei waren auch um kurz vor Mitternacht noch drei Bäcker schwer mit Teig ausrollen beschäftigt, Burek schien also auch um diese Uhrzeit noch sehr beliebt zu sein. Dazu wird Joghurt getrunken, der etwas flüssiger ist, als der Joghurt den wir kennen. Oder um es mit den Worten der Gastgeber auszudrücken, Joghurt wird zu allem und immer getrunken. Wir fielen also müde, frisch geduscht und pappsatt ins Bett.

Die Mutter hatte Kontakte zu einem europäischen Kolleg in Novi Sad, eine etwa 100 km südlich gelegene Stadt. Dort vermittelte sie uns einen weiteren Schlafplatz für den nächsten Tag in einem Wohnheim und wir freuten uns riesig. Sie waren so nett und hilfsbereit und unser Zelt durfte wieder in der Tasche bleiben!

In der Zwischenzeit hatte auch der Frühling bei uns Einzug gehalten. Die ersten Bienchen und Schmetterlinge flogen, die erste Zecke krabbelte an der Brottüte, Schneeglöckchen blühten in Hülle und Fülle und die Meisen hatten mit dem Nestbau begonnen.

Wir fuhren also weiter nach Novi Sad, mit (natürlich) einem Liter Trinkjoghurt und einer Packung Keksen als Abschiedsgeschenk im Gepäck. Dieses willkommene Extragewicht wurde ca. 25 km weiter, an einem wunderschönen See und bei strahlendem Sonnenschein, getilgt. Als wir im nächsten Ort Fladenbrot für die Mittagspause besorgten, wurden wir vor der Bäckerei von zwei älteren Serben angesprochen. Dass wir nichts verstanden, hinderte keinen der Beiden ihre pure Freude und Begeisterung für unseren außergewöhnlichen Drahtesel und unser Vorhaben auszudrücken. Den zwei verrückten Deutschen wurden freudig die Hände geschüttelt, uns wurde über den Kopf gestreichelt und urplötzlich wurden wir kräftig durchgeknuddelt. Alles unmissverständliche Gesten. Freudig fuhren wir weiter. An diesem Tag war es keine Schwerstarbeit, da wir vom Wind kräftig geschoben wurden und sogar bergan mit 25 km/h fahren konnten. Nach knapp 5 Stunden Fahrzeit und bei schönstem Wetter kamen wir dann im 109km entfernten Novi Sad an und fanden auch das Kolleg, wo sich wieder einmal zeigte, wie klein doch die Welt war. Eine nette junge Frau, die im Wohnheim wohnte, hatte uns am Tag zuvor schon durch Subotica fahren sehen, erkannte uns wieder und half uns die richtige Kontaktperson zum Zwecke der kostenlosen Unterbringung zu finden. Daraufhin wurden wir in zwei Appartements geführt, die jeweils mit einer kompletten Küche und mit Bädern ausgestattet waren. Wir übernachteten jedoch trotzdem zusammen in ein kleines Bett gequetscht, weil Harry Potter an dem Abend so gruselig war…

Was wir noch gar nicht erzählt haben ist, dass wir schon seit der Slovakei ständig von Hunden angebellt, angeknurrt und verfolgt werden. Die finden uns einfach zu komisch auf unserem Gefährt, als dass sie uns ignorieren könnten, wie sie auch die Autos ignorieren. Wir haben uns auch schon einen Stock angeschafft, lieber Martin, damit wir uns verteidigen können, falls es mal nötig werden sollte. Bisher reicht es allerdings auch aus, die Hunde sehr wütend und laut anzuschreien. Dann bleiben sie meistens schon ganz verdutzt stehen und trollen sich. Einmal, das war auch kurz vor Novi Sad, fühlte ich mich (Leni) durch einen Graben auf der gegenüberliegenden Straßenseite geschützt und feuerte die 5 Hunde, die uns am Graben entlang hinterher spurteten, mit lautem „jajaja“ zum schnelleren Lauf an, als sie plötzlich den Graben überquerten. Zunächst lachend, aber zunehmend erschrocken rief ich Domi zu „Hilfe, die kommen! Gib Gas!“ und wir traten fester in die Pedale und liesen die kläffende Meute knapp hinter uns. Domi musste in diesem Fall meinen Übermut mitausbaden, aber wir lachten hinterher herzlich über meinen erschrockenen Ausruf.

Am 26.2. legten wir auf einer schönen Wiese nahe der Donau, nur 20 km von Novi Sad entfernt, eine kleine Pause ein. An diesem Tag hatten wir uns gedacht, wir nähmen besser eine kleine Abkürzung, anstatt den scheinbaren Umwegen des Donauradwegs zu folgen. Nach einigen Kilometern fuhren wir dann anstatt auf Asphalt durch Schlammgruben und Schlaglöcher, die zeitweise die gesamte Wegesbreite einnahmen. Wir waren zu stolz (aber auch ein wenig zu faul) um wieder umzukehren, denn bevor diese Offroad-Partie begann, wehrten wir noch die Bedenken eines Anwohners darüber, ob wir wirklich über die folgende Straße fahren wollten, noch lässig ab. Wir genossen die spannende Fahrt fernab der Straße auch am nächsten Morgen, um von unserem Schlafplatz zurück auf den ausgeschilderten Donauradweg zu gelangen.

Am Ende folgte ein steiler Anstieg über holpriges Natur-Kopfsteinpflaster durch ein verschlafenes Örtchen mit Blick über die Donauauen, die Höhenmeter hatten wir also nur aufgeschoben und nicht aufgehoben. Wir hatten es fast geschafft, als die Steine feucht wurden und unsere Reifen keinen Halt mehr fanden. Wir mussten uns geschlagen geben und die letzten 100m schieben. Doch die darauffolgende Landstraße war in sehr gutem Zustand und wir erreichten Belgrad am Nachmittag. Von außen betrachtet gefiel uns die Stadt sehr gut, doch die Fahrt hindurch war sehr anstrengend. Auf den Radwegen spazierten die Fußgänger gemütlich umher und am Ende führte der Radweg über eine 4-spurige Brücke. Das wollten wir zunächst gar nicht glauben, da die Geschwindigkeitsbegrenzung hier bereits wieder aufgehoben war und so verschwendeten wir zusätzlich Zeit mit der Suche nach dem Radweg. Auf der Brücke fanden wir dann schließlich ein Schild, laut dem die Radfahrer gebeten wurden auf dem Gehweg zu fahren, der jedoch viel zu schmal und nichtmal durchgehend vorhanden war, außerdem über 20cm hohe Bordsteinkanten begann. Wir wechselten auf die Straße und nachdem wir mehrmals unverschämt knapp und schnell überholt wurden, fuhren wir genauso dreist in der Mitte der Spur. Wir waren unendlich froh, als wir die 2 km lange Brücke überquert hatten und unser Radweg auf eine kleine, ganz ruhige Straße wechselte. Sogar als wir über eine winzige, schmale Holzbrücke über einen Wassergraben auf einen Wiesenweg geleitet wurden, freuten wir uns noch. Alles war besser als diese nervenaufreibende, lärmende Passage. Als wir dann nach nur 200 m den Wassergraben wieder über ein richtiges Brückchen überquerten, lachten wir über die Idee, dass sich da wohl jemand einen Spaß mit den Radfahrern erlaubt hatte. Vor allem wurden wir etwa 400m weiter ein drittes Mal über den selben Graben geleitet und sollten ab da endgültig auf dem Damm durch die Wiese fahren. Da es trocken und ruhig war, entschieden wir uns dafür und übernachteten auch dort.

Am Morgen des 28. Tages wechselten wir schon nach dem Frühstück zum T-Shirt und nach einer Weile auf dem Wiesenweg, hoben wir das Fahrrad über eine Leitplanke auf die Straße, um wieder Fahrt aufnehmen zu können. Es war ganz nett auf der Wiese, aber immer unter 15 kmh war uns auf die Dauer doch zu langsam. Nachdem wir vom Navi auf eine Schnellstraße geleitet werden sollten, entschieden wir uns, der Beschilderung des Radwegs wieder zu folgen und fuhren durch das Special Nature Reserve auf einer wahrhaftigen Waschbrettpiste. An diesem Tag hatten wir in Folge dessen eine Durchschnittsgeschwindigkeit von nur 13,6 kmh und zelteten an einer ruhigen Stelle am Damm, nachdem wir Nudeln mit Pilzen und saurer Sahne gegessen hatten.

Am 1. März zeigte sich uns Serbien von seiner hässlichen Seite. Es regnete, überall stank es nach Ruß und verbranntem Plastik, die Straßenränder waren zugemüllt, darunter mischten sich auch die Leichen mehrerer überfahrener Hunde und am Ende eines Städtchens fuhren wir durch dicken, staubigroten Ruß, der den Schornsteinen einer alten Industrieanlage entsprang. Wir waren froh, unsere Halstücher über Mund und Nase ziehen zu können, was den Gestank und das Stechen in der Nase erheblich abmilderte.

Doch das sollte noch nicht alles sein. Pünktlich zur Mittagspause, das heißt wir hatten schon alles hingerichtet und uns auf unsere Isomatte gesetzt, öffneten sich die Himmelsschleusen und aus dem steten Tropfen wurde heftiger Regen. Wir fingen an zu Essen, als auch noch starker Wind von der Seite hinzukam. Wir verschlangen unser eigentlich sehr leckeres Brot viel zu schnell und fuhren dann, triefend nass, weiter. Es begann schon dunkel zu werden, als wir noch immer an einer Kohlegrube entlang fuhren. Direkt dahinter entdeckten wir dann eine geeignete Wiese, es war zwar sehr laut aber wir hatten keine Lust zum Weiterfahren und stellten dort unser Zelt auf. Wir schliefen recht gut in dieser Nacht und am nächsten Morgen wurden wir von der Sonne geweckt. Wir hängten alles zum Trocknen in die Bäume und kochten uns Haferbrei mit Apfelstückchen zum Frühstück. Die Landschaft wurde von Kilometer zu Kilometer schöner, überall waren runde Hügel und wir freuten uns, dass wir den Regen gestern hatten und so den schönen Teil der Strecke bei passendem Wetter durchfahren konnten. Die Donau war bald wie ein breiter See mit schönen Bergchen drumherum. Gegen Mittag fuhren wir dann in die Schneiße ein, die die Donau in das Gebirge an der rumänisch-serbischen Grenze schnitt. Es war wunderschön und die Felswände ragten beeindruckend mächtig und steil in den Himmel. Auf serbischer Seite war die Straße leider mit ca. 20 unbeleuchteten Tunneln ausgestattet, die zum Glück recht kurz waren, aber trotzdem anstrengend zu durchfahren, da wir aus der Sonne hineinfuhren und nichts mehr sehen konnten, obwohl wir das Ladegerät aus – und das Licht eingesteckt hatten. (Von unserem Forumslader sind wir übrigens auch begeistert. Während der Fahrt können wir unsere Geräte darüber aufladen und haben dann sogar noch Akkuladung für Pausentage übrig.)

Nachdem wir alle Tunnel und am Ende des Tages auch noch einen Berg bezwungen hatten, wurden wir mit dem bisher schönsten Schlafplatz bei Boljetin belohnt. Wir stellten unser Zelt etwa 100m vom Bergfriedhof entfernt auf, mit Aussicht auf ein Donaubecken zwischen den Bergen weit unterhalb. Es war etwas windig ganz oben, aber unglaublich schön.

Am Morgen des 3.3. entschieden wir uns, die Donau noch am selben Tag in Donji Milanovac zu verlassen und über Sofia, wo wir wieder warmshowers nutzen wollten, Richtung Kavala in Griechenland zu fahren. Nachdem wir es schafften unsere Gangschaltung wieder richtig einzustellen, fuhren wir zügig bergab bis Donji Milanovac, wo wir auf dem Markt zwei frische Somun kauften. Das ist auf dem Grill gebackenes Hefebrot, das uns sehr gut schmeckt.

Kurz nachdem wir die Donau hinter uns gelassen hatten entdeckten wir einen kleinen Bach, der uns mit seinem klaren Wasser zu einem schnellen Bad einlud. Frisch gewaschen führte unser Weg zwischen Hügeln und Bergen immer weiter nach oben. In einem kleinen Ort, vor einem Wald, entschieden wir uns Mittagspause zu machen. Wir saßen in der Sonne und aßen Rührei mit Brot und Ayran, während wir von den Bewohnern neugierig gemustert wurden. Am Ende unserer Pause rief uns dann ein älterer Mann von gegenüber „Kafa?“ zu. Nach kurzem Blickwechsel willigten wir erfreut ein, hatte Domi doch 5 Minuten vorher noch von Cappuccino geträumt. Wir bekamen Schnaps und Bier angeboten, aber in Anbetracht der Steigung der Straße verzichteten wir auf Alkohol. Kurz darauf erfuhren wir, dass der Mann frisch gebackener Opa war und dass dessen Tochter sehr gut deutsch sprach. Sie hatte es als Kind übers Fernsehen gelernt, da sie wohl nur deutsche Sender empfangen konnten. Dadurch war ihre Aussprache annähernd perfekt und wir waren sehr erstaunt, wie viel sie verstehen und übersetzen konnte. Als Domi dann andeutete, dass wir vielleicht am Abend einen Schnaps trinken würden (die 2000-km-Marke war dort schon fast erreicht) ging der Mann los und füllte einen halben Liter serbischen Whisky, Zwetschgenschnaps aus dem Eichenfass, in eine Pepsiflasche ab. Damit wir nicht dachten er würde uns vergiften, musste Domi mit und bekam beim Zurückgehen noch ein Glas selbstgemachte Essiggurken in die Hand gedrückt. Zum Abschied bekamen wir noch eine Flasche eingekochte Tomaten dazu und fuhren freudig und reich beschenkt weiter. Es war schön, dass wir uns mal wieder richtig unterhalten konnten und wir lernten dann endlich auch ein paar serbische Worte.

Unser Weg führte uns erstmal noch weiter den Berg hoch, von wo aus wir eine wunderbare Aussicht hatten und uns auf die lange Abfahrt freuten. Am Ende des Tages ging es noch einmal ein Stück zwischen Kalkfelsen hoch und trotz der Anstrengung beeindruckte uns die Landschaft sehr. An einem Acker schlugen wir zwischen Büschen unser Zelt auf und stießen, diesmal mit Essiggurken und serbischem Schnaps, auf die 2000 geschafften Kilometer an. Wir hatten seit längerem mal wieder eine kalte Nacht mit Eis auf dem Zelt und ließen morgens alles im Sonnenschein trocknen. Es folgte ein anstrengender Tag, der nicht ganz nach unseren Vorstellungen verlief, obwohl er sehr gut begonnen hatte. Mit Rückenwind fuhren wir in Zajecar ein und durften uns in das WLAN-Netz der Apotheke einloggen, um e-mails abzurufen und nach einer warmshower in Sofia zu suchen, da wir bisher noch keine Antworten erhalten hatten. Das dauerte ewig und als wir weiter fuhren hatten wir starken Gegenwind, der uns nur sehr schleppend vorankommen lies. Zu allem Überfluss gingen uns auch noch die serbischen Dinar aus, da wir immer nur wenig Geld gewechselt hatten und unsere Kreditkarten irgendwie nicht funktionierten. Wir schafften es nicht nah genug bis an die bulgarische Grenze, um dort eventuell am nächsten Tag Mittagessen kaufen zu können und wir hatten nur noch 14 Dinar, was umgerechnet ca. 10 Cent sind und womit man sich auch in Serbien kein Brot kaufen konnte. Mit dieser Aussicht nahmen wir eine kalte Dusche in den letzten Sonnenstrahlen, kochten aus unseren Resten eine Kohlsuppe, aßen altes Brot dazu und erfreuten uns an unseren Schnäpsen. Frühstück hatten wir zum Glück noch und wir fuhren gestärkt los, mit dem Ziel im 50 km entfernten Pirot nochmals Geld zu wechseln und dann dort auch komplett auszugeben. Wieder zog sich der Weg, bergauf und mit Gegenwind schlichen wir mit 9-13 kmh. Wir würden ewig brauchen bis Pirot, aber es half nichts. Wir traten schwerfällig in die Pedale und hofften buchstäblich auf besser Wetter. Nach ungefähr der Hälfte der Strecke bis Pirot gingen all unsere Wünsche in Erfüllung. Als wir offensichtlich die Bergkuppe erreicht hatten radelten wir plötzlich in Flussrichtung bergab und wir kamen gleich dreimal so schnell voran wie zuvor. Wir erreichten Pirot kurz vor zwölf, konnten allerdings keine Wechselstube finden. Wir fragten uns durch und hatten Glück, wir wechselten ganze 10 € und hatten zum ersten Mal in Serbien Geld im Überfluss. Wir dachten wir wären nur kurz in Serbien, am Ende waren es dann jedoch ganze 10 Tage. Wir kauften Gemüse auf dem Markt, Burek mit Spinat und Käse, Brote, saure Sahne und Milch, Kekse und Äpfel. Noch einmal versuchten wir erfolglos eine warmshower in Sofia zu bekommen und schrieben ungefähr alle Leute dort an. Es ging weiter durch eine bergige Landschaft, bis wir abends um 5 über die bulgarische Grenze gingen. Wir wollten eigentlich nicht mehr weiter fahren, aber wir wollten unser Zelt auch nicht direkt am Grenzzaun aufschlagen, weshalb wir uns wieder auf die Sättel „schwangen“ und ca. 5km weiter auf einer Wiese in einer Ortschaft anhielten. Wir fragten den Nachbarn ob das Zelten dort in Ordnung sei, zwar verstanden wir uns nicht, aber nach kurzem hin und her verstand er doch und meinte „no problema“. Wir waren froh, schlugen schnell das Zelt auf und fingen an zu kochen, als die Polizei hielt und unsere Reisepässe verlangte. Bis wir unsere Pässe wieder hatten, dauerte es eine ganze Weile, aber wir kochten einfach weiter unsere Rahmkartoffeln und aßen schonmal Brot mit saurer Sahne. Die Polizistin meinte „Thank you so much.“, wünschte uns eine gute Nacht und ging. Wir aßen, beruhigt darüber, dass Wildcampen hier wohl problemlos sein würde und gingen später ins Bett.

An unserem ersten morgen in Bulgarien war der Himmel etwas wolkig. Wir erwärmten unsere Milch um Brot darin einzutunken, als die ersten Tropfen fielen und wir schnell unser Zelt einpacken mussten und in unsere Regenkleidung schlüpften. Wir setzten uns dann im Regen auf unsere Isomatte und frühstückten trotzdem recht gemütlich weiter, um dann aufzubrechen und nach Sofia zu fahren. Wir hatten noch immer keinen Schlafplatz dort gefunden und waren schon etwas verzweifelt, vorallem auch, weil wir gerne einen Tag Pause machen wollten. Es ging mal wieder schleppend bergauf. Leni war es viel zu heiß, aber es kam kein Dach, unter dem sie sich hätte etwas ausziehen können und zu allem Überfluss kam bei ihr das Wasser am Kragen ungehindert in die Jacke, weshalb sie bald darauf einen nassen Pullover hatte. Wir versuchten, wann immer möglich, emails abzurufen, doch meistens reichte unsere Internetverbindung nichtmal dafür. Wir schlichen mit gedrückter Stimmung bergauf und hielten irgendwann an einer Tankstelle, um einen warmshower-Kontakt anzurufen. Sie sagten uns für eine Nacht zu, weil sie eigentlich schon Besuch hatten und wir beschlossen, das Angebot anzunehmen aber noch weiter zu suchen, da wir keine Belastung für die Familie sein wollten. Glücklicherweise hatten wir an der Tankstelle eine gute Internetverbindung und wir durften uns mit unseren Keksen reinsetzen. Während unsere Sachen trockneten kamen zwei weitere Zusagen. Eine Frau hatte sogar ihre Mutter überzeugt uns aufzunehmen, da sie selbst nicht da war. Wir entschieden uns dann jedoch für die, die ihre Entscheidung frei getroffen hatte und waren froh, dass wir ein trockenes Plätzchen in Aussicht hatten. Ihr werdet es wohl kaum glauben, aber nachdem wir all unsere Kekse aufgegessen hatten, wurde der Himmel langsam blauer. Der Regen hatte aufgehört als wir weiter fuhren, der Berg war bezwungen, wir hatten sogar streckenweise Rückenwind, nur noch gute 40 km vor uns und waren doppelt so schnell in Sofia wie wir vermutet hatten. Dort rief Domi bei unserer Bank an und fragte, warum wir an keinem Automaten Geld bekommen würden und es stellte sich heraus, dass wir mindestens 50 € abheben mussten, womit wir an diesem Tag eine weitere glückliche Fügung erlebten. Wir fuhren zu der Adresse und wurden ein weiteres Mal herzlich in Empfang genommen.

In Sofia konnten wir wunderbar im Haus entspannen. Unsere Gastgeberin war 2013 für ein Semester in Heidelberg und auch ihre Eltern waren total nett. Also nochmal, die Welt ist einfach klein. Gestern gab es gebackenen Fisch mit Ofenkartoffeln und heute Abend kochten wir Semmelknödel, Blaukraut und Pilze in Schmandsoße, da wir keine süße Sahne in der Milcherei finden konnten. Ansonsten haben wir nicht viel unternommen, aber unsere Gastgeberin hat uns alle möglichen Sehenswürdigkeiten auf unserem weiteren, noch etwas ungewissen Weg beschrieben.

Wir wünschen euch nun eine gute Nacht und bedanken uns herzlich für eure ganzen netten Kommentare  =)

Leni und Domi

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2 Gedanken zu “Von Wien bis Sofia

  1. Hubert Hahn schreibt:

    Hallo ihr zwei , sooo schön geschrieben – wir sind direkt mit euch mitgereist.
    Weiterhin so nette Begegnungen, schöne Radwege und warme Frühlingsluft.
    Grußkuß von Moni und Hubi

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  2. Miriam Baermann schreibt:

    Zum Glück gibt es das Internet! Sonst könnten wir nicht so mit euch „mitreisen“. Ein bisschen neidisch sind wir schon hin und wieder. Aber andererseits erfreuen wir uns auch wieder an unserem Komfort zu Hause.
    Alles Liebe von den Baermanns vom Berg

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